Caritas / Soziale Dienste

„Knüpfen wir am Hoffnungsnetz der Liebe!“

18.04.2021

Bischof Bertram hat in der Pfarrkirche St. Joseph in Tutzing den hundertsten Geburtstag der Ambulanten Krankenpflege Tutzing gefeiert. In seiner Predigt bezog er sich auf die Bedeutung der Caritas für das Wesen und den Auftrag der Kirche – und konnte zudem eine überraschende Ehrung verleihen.

Die Nächstenliebe sei ein Lackmus-Test für alles, was die Kirche predige und verkündige, betonte Bischof Bertram eingangs in seiner Predigt. Vor diesem Hintergrund sei die nunmehr ein ganzes Jahrhundert währende Arbeit der Ambulanten Krankenpflege Tutzing besonders zu würdigen. Es handele sich dabei um ein gut organisiertes Netzwerk der Nächstenliebe, das engmaschig geknüpft sei und auch von der politischen Gemeinde mitgetragen werde, so der Bischof: „Es gibt sie also auch heute: Koalitionen zwischen Kirche und Kommune. Hier zeigt sich: Vorfahrt hat der konkrete Mensch!“

Gerade das Gleichnis des barmherzigen Samariters sei für die karitative Arbeit der Kirche entscheidend. Auf der einen Seite sei auffallend, dass Jesus weder den Priester noch den Leviten tadelt, die in der Erzählung an dem schwer verletzten und hilflos im Straßengraben liegenden Mann vorbeigehen. Ihre Religion habe ihnen den Umgang mit Blut verboten. „Aber kann man alles Leben in Gesetze fassen?“, fragte der Bischof weiter und bezog sich als Beispiel auch auf die Christinnen und Christen, die in München unter dem Motto „Gewissen lässt sich nicht abschieben“ für ein neues Nachdenken in der Asylfrage demonstriert hätten.

„Ist das nicht ein kleines Wunder? Ein Samariter wird als Modell hingestellt, der Fremdling, der eigentlich gar nichts mit dem ausgeraubten Juden zu tun hat“, betonte Bischof Bertram die religiöse und kulturelle Trennung, die damals zwischen dem Volk der Samariter und dem der Juden bestand: „Sein Handeln entspricht nicht dem Gesetz, es kommt von Herzen.“ Die fehlende Scheu vor dem vermeintlich Fremden müsse uns auch heute noch zum Vorbild gereichen. Im Umkehrschluss bedeute dies aber auch: „Diese Erde ist nicht unsere ewige Heimat, noch weniger ein fest umgrenztes staatliches Territorium. Weil wir selbst „Fremde und Gäste sind in dieser Welt“ (Petr 2,11), dürfen wir Fremde und Ausländer nicht abweisen oder vor die Tür setzen. Auch der Fremde ist Mensch wie wir.“

Abschließend sprach der Bischof noch das hohe Engagement der Ambulanten Krankenpflege Tutzing gerade im Bereich der Begleitung Schwerkranker und Sterbender an. Angesichts der momentan im Deutschen Bundestag laufenden Debatten über den sogenannten assistierten Suizid brauche es dafür auch eine klare Position der Kirche. Es gehe nicht darum, „nur den moralischen Zeigefinger gegenüber denen zu heben, die für assistierte Selbsttötung sind, sondern alles zu tun, um Menschen auf der letzten Etappe des irdischen Lebensweges nicht allein zu lassen“, betonte der Bischof und forderte eine weitere Förderung von Hospizplätzen und Möglichkeiten der Palliativmedizin. Gerade christliche Politikerinnen und Politiker seien hierbei in der Pflicht.

Sr. Josefa Knab OSB. Das neben ihr aufgestellte Foto zeigt Sr. Josefa in den 1960er Jahren (Foto: Christian Binder)

Sr. Josefa Knab OSB. Das neben ihr aufgestellte Foto zeigt Sr. Josefa in den 1960er Jahren (Foto: Christian Binder)

„Die Straße zwischen Jerusalem und Jericho ist überall, auch bei uns“, sagte Bischof Bertram abschließend. Auch deshalb sei das Gleichnis des barmherzigen Samariters weiterhin aktuell: „Konkrete Not wartet vor der eigenen Tür. Denn den Nächsten suche ich mir nicht aus, er ist einfach da – neben mir, in der Gemeinde, im Freundeskreis, in der Familie! Knüpfen wir weiter, ambulant! d.h. auf dem Weg, am Hoffnungsnetz der Liebe!“

Im Rahmen des Gottesdienstes verlieh Bischof Bertram das Ulrichskreuz in Gold an Sr. Josefa Knab OSB. Die Missionsbenediktinerin, die im Herbst dieses Jahres ihren 100. Geburtstag feiert, ist seit vielen Jahren als „Engel von Tutzing“ bekannt. Von 1949 bis 1983 stand sie der Ambulanten Krankenpflege vor. Nach der Messe nutzte der Bischof noch die Gelegenheit für Begegnungen und Gespräche. So traf er sowohl mit Claus-Peter Reisch, einem Kapitän der Seenotrettung, als auch mit einer Asylantenfamilie aus Afghanistan zusammen und betonte: „Das Engagement für die Eine Welt und die Menschen am Rand wird in Tutzing großgeschrieben.“

Die Ambulante Krankenpflege Tutzing wurde 1921 von Pfarrer Joseph Boeckeler gemeinsam mit der politischen Gemeinde und den Tutzinger Missionsbenediktinerinnen gegründet. Sie beschäftigt heute rund 100 hauptamtliche Mitarbeiter/-innen und versorgt etwa 200 Patientinnen und Patienten. Zu ihren Dienstleistungen gehören zudem Nachbarschaftshilfe, das Anbieten von Betreutem Wohnen und das Betreiben diverser Pflegeeinrichtungen.