Bioethik

Weihbischof Losinger: "Humanes Problem der künftigen Gesellschaft"

06.05.2021

Soeben hat der Deutsche Ärztetag mit großer Mehrheit das Verbot des ärztlich assistierten Suizids aus der ärztlichen Muster-Berufsordnung gestrichen. Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger, Bischofsvikar für Bioethik und Sozialpolitik, sieht diese Entscheidung kritisch und befürchtet ein "humanes Problem der künftigen Gesellschaft". Seine Forderung: "Unsere Aufgabe ist Hilfe zum Leben, nicht Sterbehilfe!"

Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger. (Foto: Beatrice Schubert)
Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger. (Foto: Beatrice Schubert) Bild: Beatrice Schubert

Weihbischof Losinger betonte, dass auch künftig Suizidbeihilfe nicht zum regulären Aufgabenbereich des Arztes gehöre und auch künftig kein Arzt zur Mitwirkung bei der Selbsttötung eines Menschen gezwungen werden dürfe, doch sei nun eine schiefe Ebene entstanden, auf der sich ärztliches Ethos und organisierte Sterbehilfe gefährlich mischen und eine Beschleunigung des Balls in einer Kurve nach unten in Gang kommt. "Wohlgemerkt: Nicht der Dammbruch, der längst stattfand, sondern die schiefe Ebene und ihr Beschleunigungseffekt ist das humane Problem der künftigen Gesellschaft."

Die deutsche Ärzteschaft habe damit aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe vom Februar 2020 Konsequenzen gezogen: Mit deutlicher Mehrheit der Delegierten entschied der Deutsche Ärztetag, das bisherige Verbot der Suizidassistenz aus der Berufsordnung zu streichen. Bislang stehe in der bundesweiten Musterberufsordnung der Satz "Der Arzt darf keine Hilfe zur Selbsttötung leisten." Diese Formulierung werde nun nach dem Beschluss der Delegierten gestrichen. Bundesärztekammerpräsident Klaus Reinhardt habe jedoch zugleich betont, dass "Suizidassistenz keine ärztliche Aufgabe" sei. Das schließe aber nicht aus, dass ein Arzt einem leidenden Patienten im Einzelfall nicht helfen dürfe.

Der Präsident des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery sehe in dieser Entwicklung eine fatale Änderung des Ärztebildes, welche die Rolle des Arztes im Krankenhaus vom Helfer zum Vollstrecker umforme. Die Deutsche Bischofskonferenz warne vor dem fatalen Trend, dass sich die Entscheidung zum freiverantwortlichen Suizid und zur Suizidbeihilfe als quasi "normale Form" des Sterbens in Pflegesituationen entwickeln könnte. "Begleitet vom sanften und stetigen Druck auf pflegebedürftige und alte Menschen, die den Angehörigen nicht zur Last fallen zu wollen, kommt der Stein unweigerlich ins Rollen", so der Weihbischof.

Und weiter: "Auch mit der nüchternen Einsicht, dass sich Suizide niemals gänzlich verhindern lassen können, bleibt die Herausforderung an eine Gesellschaft mit humanem Antlitz, Hilfen zum Leben bereitzustellen anstatt Sterbehilfeorganisation zu leisten. Weil um Jesu willen kein Mensch durch die Hand eines anderen aktiv getötet, oder auch nur durch sublimes Drängen seiner Umgebung in den Tod gedrängt werden soll. Hinter der Theorie vom freiverantwortlichen Suizid steht allermeist nicht autonome Freiheit, sondern ein Hilferuf an die Gesellschaft. Gute Pflege, professionelle Palliativversorgung und Ausbau der Hospizidee sind die passenden Instrumente. Unsere Aufgabe ist Hilfe zum Leben, nicht Sterbehilfe!"