Bischof Bertram ruft zur analogen Begegnung auf
Augsburg (pba). Mit einem Festgottesdienst am Gedenktag des Bistumspatrons und der Erhebung des Ulrichschreins am Freitagabend ist diesjährige Ulrichswoche feierlich eröffnet worden. In seiner Predigt nahm Bischof Dr. Bertram Meier das digitale Zeitalter ins Visier und rief die Gläubigen dazu auf, nicht nur auf virtuelle Beziehungen zu setzen, sondern weiterhin auch analoge Begegnungen zu pflegen. Mit Blick auf die Vita des Heiligen Ulrich gelte es, sich gegen den Strom der Gleichgültigkeit zu stellen und Klischees zu entlarven, die gesellschaftliche Gruppen diskriminierten.
Nicht wenige hätten heute den Eindruck, dass die Komplexität der Welt, die digitale Vernetzung und blitzschnelle Information von allen Winkeln des Planeten zunehmend überfordere, gab Bischof Bertram in seiner Predigt zu bedenken. „Müsste ich nicht Tag und Nacht online sein, um nichts zu verpassen und wirklich mitreden zu können? Aber wie soll das zu schaffen sein, vor allem wenn ich auch noch damit rechnen muss, dass ich zum Narren gehalten werde und Deep-Fakes mit und ohne KI-Beteiligung auf den Leim gehen könnte?“ An dieser Stelle zu glauben, dass früher alles besser und leichter war, sei trotzdem ein Trugschluss, wies der Bischof auf nicht vorhandenes Wissen um Naturkatastrophen oder globaler Krisenherde früherer Generationen hin.
Auch heute noch könnten je nach Herkunft und politischer Lage viele Menschen ihr Schicksal kaum beeinflussen, gleichzeitig konkurrierten so viele Informationskanäle wie noch nie in der Geschichte. Als Reaktion darauf, auf regelmäßige Nachrichten zu verzichten, sei jedoch gerade für Gläubige kein sinnvoller Weg, betonte Bischof Bertram: „Als Christinnen und Christen sollten wir alles auf den Prüfstand stellen und je nach unserer gesellschaftlichen Verantwortung beherzt gegensteuern. Papst Franziskus hat wiederholt auch die jungen Menschen aufgerufen, die Komfortzone zu verlassen und sich für mehr Gerechtigkeit, mehr Menschenwürde und mehr Frieden einzusetzen.“
Diesen Gedanken trage auch das diesjährige Motto der Ulrichswoche „Löscht den Geist nicht aus“: „Setzen wir alles daran, dass wir immer mehr unser Menschsein entfalten, dass wir die Talente und Charismen, die Gott uns mitgegeben hat, zum Blühen bringen und denen aufhelfen, die schwächer sind als wir.“ Gerade in der Hinwendung zu den Armen könne der heilige Ulrich Vorbild ersten Ranges sein, lud der Bischof ein, dem Wesen und Tun des Bistumspatrons nachzueifern. „Trauen auch wir uns, mit Selbstbewusstsein und Kreativität uns gegen den Strom der Gleichgültigkeit, ja sogar der Hassrede zu stellen. Schweigen wir nicht zur Unzeit, wenn es gilt, die Menschenwürde eines anderen zu verteidigen oder Stereotype und Klischees zu entlarven, mit denen pauschal ganze gesellschaftliche Gruppen diskriminiert werden.“
In einer digitalen Kultur wie heute sei es wichtig, das menschliche Bedürfnis nach Nähe im Blick zu behalten, wies Bischof Bertram auf die Bedeutung analoger Begegnung hin: „Ich lade dazu ein, an Orten und Zeiten festzuhalten, wo die physische Anwesenheit zählt: am gemeinsamen Tisch, in der christlichen Gemeinschaft, die sich versammelt, beim Besuch einsamer Menschen und im Dienst an den Armen.“
Am Ende der Feier wurde der Ulrichsschrein nach dem Apostolischen Segen in einer kleinen Prozession zum Ulrichsaltar übertragen. Um das Fest in analoger Gemeinschaft ausklingen zu lassen, lud Bischof Bertram wieder zur Tradition der „Ulrichsminne“ auf den Vorplatz der Basilika ein. Es wurden Brot und Wein gereicht.
Musikalische Gestaltung
Für die musikalische Gestaltung der Feier mit besonderem Akzent sorgten die beiden Chöre der Augsburger Domsingknaben unter der Leitung von Domkapellmeister Stefan Steinemann. Gemeinsam mit dem Barockensemble des Bayerischen Staatsorchesters und dem Musikensemble „Les Cornets Noirs“ führten sie die 53-stimmige Missa Salburgensis von Heinrich Ignaz Franz Biber auf. Das Werk gilt als Meilenstein der sakralen Musikgeschichte und Repräsentation barocker Pracht. Neben einer Aufführung im Augsburger Dom am 30. Oktober, wird das imposante Werk im Rahmen einer Herbsttournee in der Hamburger Elbphilharmonie, der Dresdner Kreuzkirche sowie im Münchner Herkulessaal zu hören sein.
Bereits am Vorabend des Ulrichstags wurde am Freitagabend der Ulrichsschrein aus der Krypta erhoben und zur Verehrung in die Basilika gebracht. Bischof Dr. Bertram Meier, der die Pontifikalvesper zusammen mit dem Domkapitel, zahlreichen Geistlichen, Ordensmitgliedern und Gläubigen feierte, erinnerte in seiner Ansprache an seinen eigenen Primizspruch: „Ihr seid ein Brief Christi“ (2 Kor 3,3).
Der heilige Ulrich als Brief Christi
Bischof Dr. Bertram Meier ging in seiner Predigt auf seinen eigenen Primizspruch ein. Dieser stammt aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth: „Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes.“ Noch heute empfange er als Bischof zahlreiche Briefe. Zu beachten sei immer, dass hinter jedem Brief, hinter jeder Mail und hinter jedem Vorgang ein konkreter Mensch stehe. „Ich wünsche mir von Ihnen, dass jeder und jede von uns ein Brief Christi ist“, so der Bischof. Auch der heilige Ulrich sei so ein Brief gewesen. Er sei rastlos durch sein Bistum gezogen und habe selbst in den entlegensten Winkeln das Evangelium verkündet. Und auch wer die Christinnen und Christen der heutigen Zeit treffe, solle merken, dass er oder sie eine gute Adresse in den Händen halte.
Abschließend zitierte er ein Gebet, das er selbst vor 40 Jahren in Vorbereitung auf seine eigene Priesterweihe formuliert hatte. Es endet mit einer Bereitschaftserklärung: „Mein Herr und mein Gott, ich will Dein Brief sein – kein trockener Geschäftsbrief, keine wohlklingenden und zugleich leeren Worte, sondern Dein Liebesbrief, der den Menschen Treue und Trost zuspricht, ein Brief, geschrieben nicht mit Tinte, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes."
Feier in ökumenischer Verbundenheit
Die musikalische Gestaltung wurde von einer Schola der Domsingknaben sowie durch ein Bläserensemble übernommen. Traditionell nehmen an dem Abendgebet zahlreiche Ordensleute aus dem Bistum teil. Bereits am Nachmittag hatten diese sich zu einem großen Treffen versammelt. Besonders freute sich Bischof Dr. Bertram Meier auch über die Anwesenheit eines der evangelischen Regionalbischöfe für den Kirchenkreis Schwaben-Altbayern Thomas Prieto Peral und der evangelischen Dekane Frank Kreiselmeier und Dr. Doris Sperber-Hartmann. Oberbürgermeister Dr. Florian Freund war erstmals nach seiner Wahl ebenfalls zu Gast bei der Ulrichsvesper. Begleitet wurde er von Mitgliedern der Stadtregierung und des Stadtrates.
Buntes Festprogramm
Die UIrichswoche bietet auch heuer wieder ein buntes Festprogramm mit Angeboten für alle Generationen. Neben den Gottesdiensten für die Kitas und Schulen, den Einrichtungen der Behindertenhilfe und Caritas, finden auch die Frauen- und Männerwallfahrt wie üblich statt. Ein Taizé- und Nightfever-Abend bieten Möglichkeit in stiller Atmosphäre das Gebet zu suchen.
Das komplette Programm und weitere Infos rund um die Ulrichswoche gibt es auf der Seite www.ulrichswoche.de
Bischof Ulrich
Der heilige Bischof Ulrich wurde nach seinem Tod in der damaligen Klosterkirche St. Afra beigesetzt. Schon bald setzte die Verehrung seiner Grabstätte ein, 993 wurde er schließlich formell heiliggesprochen. Seine Reliquien wurden mehrfach erhoben und umgebettet; zeitweise galten sie sogar als verschollen. Der heutige Schrein, der im Mittelpunkt der Ulrichswoche steht, wurde 1762 vom Bildhauer und Ornamentkünstler Placidus Verhelst geschaffen, auf den auch das Grabmal des Heiligen in der Krypta zurückgeht. Der Schrein zeigt auf der Deckplatte den heiligen Ulrich als Bischof, an den Seiten sind Szenen aus seinem Leben dargestellt: die Beerdigung 973, die Heiligsprechung 993, die Reliquienerhebung 1187 und die Übertragung in die neugestaltete Grabkapelle 1762. Die Echtheit der Gebeine wurde zuletzt 1971 wissenschaftlich bestätigt.