FORMT KI UNSER MENSCHLICHES SELBSTVERSTÄNDNIS?
Orientierung zum Phänomen und philosophisch-theologische Reflexion
Vortrag im Haus Sankt Ulrich, Augsburg
KI und die Würde des Menschen
Die rasante Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz (KI) und ihre zunehmende Präsenz im Alltag wirft fundamentale Fragen über unser Menschsein und die Veränderung sozialer Beziehungen auf. KI-Systeme übernehmen immer mehr Aufgaben, die einst ausschließlich Menschen vorbehalten waren, wie die Verarbeitung großer Datenmengen, die Automatisierung von Entscheidungen oder sogar kreative Tätigkeiten wie das Übersetzen von Texten oder das Abfassen von Gedichten. Diese Entwicklung bietet zweifellos Chancen, birgt jedoch auch Risiken, insbesondere in Bezug auf unser Selbstbild und unsere Selbstbestimmung. Ein zentrales Thema ist die Frage, wie KI unser Verständnis personaler Individualität und Autonomie beeinflusst. Wenn KI-Algorithmen zunehmend Entscheidungen für uns treffen oder unsere Präferenzen voraussagen, könnten wir uns fragen, ob unsere Entscheidungen noch frei sind. Die Unsichtbarkeit der Kriterien, nach denen KI-Systeme arbeiten, ist dabei besonders problematisch. Nutzer verstehen oft nicht, wie Algorithmen ihre Interaktionen strukturieren oder beeinflussen und welchen Gefahren der Manipulation sie ausgesetzt sind.
Im digitalen Raum, der zunehmend von KI geprägt wird, verändern sich auch soziale Beziehungen. Kommunikation und Interaktion finden vermehrt über Plattformen statt, die von KI gesteuert werden. Algorithmen beeinflussen, welche Inhalte wir sehen, mit wem wir interagieren und welche Meinungen wir wahrnehmen. Kritische Stimmen warnen davor, dass diese Dynamiken „Filterblasen“ generieren, die eine kritische Auseinandersetzung mit einer vielfältigen und oftmals auch vagen Wirklichkeit verunmöglichen. Die durch KI getriebene Veränderung sozialer Beziehungen wirft zudem Fragen nach Authentizität und Menschlichkeit auf. Virtuelle Assistenten, Chatbots oder Avatare können menschliche Interaktionen simulieren, was einerseits praktisch ist, andererseits jedoch die Gefahr birgt, dass echte zwischenmenschliche Kontakte an Bedeutung verlieren. Wenn menschliche Beziehungen zunehmend von KI-Interaktionen geprägt werden, könnte dies unser Verständnis von Nähe, Vertrauen und Gemeinschaft fundamental verändern.
Insgesamt steht die Gesellschaft vor der Herausforderung, die Entwicklung von KI so zu gestalten, dass sie dem Menschen dient, ohne seine personale Autonomie und seine Eigenart als soziales Lebewesen zu gefährden. Transparenz, ethische Reflexion und ein bewusster Umgang mit den Möglichkeiten und Grenzen der Technologie sind entscheidend, um die Balance zwischen Fortschritt und Menschlichkeit zu wahren. Nur so können wir sicherstellen, dass KI uns ergänzt, anstatt uns zu ersetzen oder zu kontrollieren.
(Georg Gasser)
PROGRAMM
18.30 Uhr Begrüßung und Einführung
18.40 Uhr Eine neue Ära menschlichen Selbstverständnisses?
KI und die Würde des Menschen in personaler Autonomie und sozialer Gemeinschaft
Prof. Dr. Georg Gasser, Augsburg
20.20 Uhr Rückfragen und Diskussion
ca. 20.30 Uhr Ende der Veranstaltung
Moderation: Frederic-Joachim Kaminski
Der Referent
Prof. Dr. Georg Gasser
Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg. Professor für Philosophie und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Philosophie.Träger des österreichischen Staatspreises Ars docendi.
Seit 2020 Mitglied des internationalen Doktoratskollegs Maestría y Doctorado en Filosofía, Universidad Austral (Argentinien). Bis zum Ruf nach Augsburg verschiedene internationale Lehrtätigkeiten in Innsbruck, Zagreb, Torun, Buenos Aires, Basel und Zagreb.
Studium der christlichen Philosophie und katholischen Theologie an den Universitäten Innsbruck, London und Notre Dame (USA). Promotion in Philosophie an der Universität Innsbruck zur Handlungstheorie und Habilitation in Philosophie an der Hochschule für Philosophie München. Forschungsschwerpunkte sind Handlungstheorie, die Metaphysik der menschlichen Person, Religionsphilosophie und (seit kurzem) Umweltphilosophie.
Anmeldung erbeten
per E-Mail an akademisches-forum@bistum-augsburg.de
Kosten
6.- EUR; Schüler und Studenten frei