Brückenbauerin zwischen Ost und West
Sie ist eine der prägendsten Frauengestalten des europäischen Hochmittelalters und bis heute ein lebendiges Symbol für die deutsch-polnische Verständigung: die heilige Hedwig von Schlesien (1174-1243). Ein dreitägiges wissenschaftliches Symposium in der Katholischen Akademie in Berlin widmet sich dem Leben, Wirken und der vielschichtigen Rezeption der aus Andechs stammenden Herzogin. Organisiert und veranstaltet wird die Tagung gemeinsam vom Erzbistum Berlin und den Bistum Augsburg. Die wissenschaftlichen Beiträge sollen im Frühjahr 2027 in einem Tagungsband in Augsburg vorgestellt werden.
Das hochkarätig besetzte Programm, durch das Sr. Dr. M. Theresia Wittemann OSF aus Augsburg und Dr. Konstantin Manthey aus Berlin führen, beleuchtet diese historische Ausnahmebiografie aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Im Fokus steht das in der Gestalt Hedwigs aufleuchtende transkulturelle Potential, durch das sie über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg das Europa von heute mitprägt. So spüren Referentinnen und Referenten aus Polen und Deutschland der Faszination dieser herausragenden Verantwortungsträgerin nach, in dem sie eine Brücke vom 12./13. Jahrhundert bis in die Gegenwart schlagen.
Den Auftakt am Donnerstagnachmittag machten der Berliner Erzbischof Dr. Heiner Koch und Bischof Dr. Bertram Meier, die beide in das Tagungs-Thema und die Protagonistin einführten. Bischof Bertram bezeichnete es als „eine besondere Ehre und Freude hier gewissermaßen als Heimatbischof der heiligen Hedwig zu sprechen“, da ihr Geburtsort, der heilige Berg Andechs, im Bistum Augsburg liege.
Dabei rief er die staunenswerte Feststellung des Historikers Joseph Gottschalk in Erinnerung, „dass es in der gesamten christlichen Welt keine andere Familie gibt, aus der im Laufe von vier Jahrhunderten so viele als Heilige oder Selige Verehrte hervorgegangen sind, wie aus dem Hause Andechs.“ Dabei seien es vor allem Frauen gewesen, die sich durch ihre Christusbeziehung, barmherzigem Handeln für Arme und straffällig Gewordene sowie im Einsatz für die körperliche und geistige Bildung der ihnen Anvertrauten hervorgetan hätten.
Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Vatikanum
Zudem erinnerte Bischof Bertram an das 750-jährige Heiligsprechungsjubiläum der „Mittlerin und Brückenbauerin“ im Jahr 1967, das sämtliche deutschen Diözesen, speziell aber die Vertriebenenverbände, dazu nutzten, die Aufbruchsstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils in einer Fülle von Veranstaltungsformaten sichtbar werden zu lassen. Damals habe wohl auch der zurecht berühmt gewordene Briefwechsel vom Herbst 1965 zwischen dem polnischen und deutschen Episkopat das Seine zur guten Atmosphäre beigetragen, so der Bischof.
„In der Folgezeit konnten nach Jahrzehnten des Schweigens und der inneren Verhärtung endlich die Traumata von Krieg und Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung angesprochen werden, weil sich die Bischöfe die Hand reichten.“ Für die nachwachsenden Generation diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs habe dieser erste Schritt eine Möglichkeit aufgezeigt, sich gegenseitig kennenzulernen und echt nachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen. Am Ende des Tages stand eine Diskussion über die identitätsstiftende Verbindung der Heiligen und ihr Potential als Patronin der deutsch-polnischen Versöhnung.
Weitere Vorträge von Referenten aus Deutschland und Polen widmen sich sowohl den historischen Wurzeln als auch der modernen Erinnerungskultur. So thematisiert Pfarrer Dr. Michał Wilkosz (Hannover) das mittelalterliche Heiligenerbe im Licht der heutigen deutsch-polnischen Beziehungen, während Bischof em. Jan Kopiec (Gliwice) die Hedwigsverehrung in Schlesien nach 1945 analysiert.
Mehr als Schachfiguren auf dem Spielfeld der Politik?
Der Freitag steht ganz im Zeichen des Hochfests der Heiligen, das mit einer Festmesse in der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin-Mitte gefeiert wird. Historisch gilt dieses 1773 errichtete Bauwerk als zentrales Symbol für die Integration schlesischer Zuwanderer in Preußen. Fachvorträge befassen sich an diesem Tag etwa mit der Rolle der Andechs-Meranierinnen als Schachfiguren auf dem Spielfeld der Politik oder selbstbewussten Persönlichkeiten sowie mit Spuren der Hedwigsverehrung, etwa in der Liturgie der Zisterzienser. Ein besonderer Höhepunkt für die breite Öffentlichkeit stellt die Abendveranstaltung dar: Die Literaturwissenschaftlerin Univ.-Prof. Dr. habil. Gabriela Jelitto-Piechulik aus Opole spürt den literarischen Fährten der Heiligen in der Belletristik des 19. bis 21. Jahrhunderts nach.
Am abschließenden Samstag richtet sich der Fokus auf die kunsthistorische Darstellung Hedwigs als Mutter und Landesmutter sowie auf das moderne Potenzial ihrer Legendenerzählung für Kinder heute. Diakon Markus Müller, Caritasdirektor in Augsburg, schlägt zudem eine Brücke ins Hier und Jetzt und diskutiert Hedwigs radikale soziale Ansätze im Kontext der heutigen modernen Caritasarbeit. Ein abschließendes Podium würdigt zudem die 170-jährige Geschichte der in Breslau gegründeten Hedwigschwestern.
Begleitet wird das Symposium von zwei Sonderausstellungen – einer Paramentenausstellung der Abtei Thyrnau und einer Plakatausstellung zum Jubiläum der Hedwigschwestern. Die wissenschaftlichen Ergebnisse der dreitägigen Veranstaltung sollen im Frühjahr 2027 in einem umfassenden Tagungsband veröffentlicht und im Rahmen einer Buchpräsentation am 1. März in Augsburg vorgestellt werden.
Geboren als Tochter des Grafen Berthold IV. von Andechs-Meranien, schlug Hedwig durch ihre Heirat mit Heinrich I. von Schlesien im Jahr 1186 eine bleibende Brücke zwischen ihrem bayerischen Adelsgeschlecht und der polnischen Piasten-Dynastie. Als Landesmutter gestaltete sie die Region Schlesien politisch und sozial aktiv mit: Auf ihre Initiative hin entstanden zahlreiche Klöster, Spitäler und Armenhäuser. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie sich in das von ihr gegründete Zisterzienserinnenkloster Trebnitz zurück, wo sie 1243 verstarb und bereits 1267 von Papst Clemens IV. heiliggesprochen wurde.