„Dem Frieden Raum geben“
Frankfurt (DBK) Zum siebten Mal hat an diesem Freitagabend der Jahresempfang der Deutschen Bischofskonferenz für die Partnerinnen und Partner im christlich-islamischen Dialog stattgefunden. Rund 120 Gäste folgten der Einladung des Vorsitzenden der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog, Bischof Dr. Bertram Meier, nach Frankfurt am Main. Im Fokus des Empfangs stand die Verantwortung der Religionsgemeinschaften für ein friedliches Zusammenleben – in Deutschland und weltweit.
Eröffnet wurde der Abend mit einem Gebet im Dom St. Bartholomäus. Bischof Bertram betonte dabei, dass Christen und Muslime trotz Unterschieden in der Glaubenslehre auch geistliche Berührungspunkte teilen. Er nannte dabei vor allem „das Bewusstsein, dass wir auf eine Wirklichkeit verwiesen sind, die größer ist als wir selbst – auf Gott, den barmherzigen Schöpfer. Im Gebet wenden wir uns an ihn, in unterschiedlichen Formen und Worten, aber mit einer ähnlichen Haltung: in dem Vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint; in der Gewissheit, dass wir seiner Vergebung bedürfen und diese auch erlangen können.“ Das Gebet leiste dabei auch einen wirksamen Beitrag zum Frieden: „Gebet ist keine Flucht aus der Verantwortung. Es ist vielmehr eine Schule der Aufmerksamkeit. Wer Versöhnung erlangen will, muss selbst versöhnungsbereit werden. Wer Gerechtigkeit fordert, muss sie im eigenen Handeln verwirklichen. Wer den Frieden erbittet, muss dem Frieden Raum geben. Denn Frieden ist mehr als das Schweigen der Waffen – er beginnt im Herzen der Menschen“, so der Bischof.
Beim anschließenden Empfang im Haus am Dom griff Bischof Bertram in seiner Eröffnungsansprache das Weltgebetstreffen für den Frieden auf, zu dem Papst Johannes Paul II. vor knapp 40 Jahren nach Assisi eingeladen hatte: „In einer Zeit, in der noch nicht abzusehen war, ob die Großmächte einen Ausweg aus der Logik des Wettrüstens finden würden, kamen in der Stadt des hl. Franziskus die Repräsentanten der großen Religionen zusammen. […] Als gläubige Menschen wissen wir, dass Frieden letztlich immer ein Geschenk Gottes ist. Damit jedoch der Friede, den Gott gibt, in dieser Welt wirksam wird, bedarf es unserer Mitwirkung. […] So war auch die Botschaft des historischen Treffens von 1986 eine zweifache: Wir beten für den Frieden – und wir handeln für den Frieden.“ Mit Blick auf die Lage in Deutschland unterstrich der Bischof: „Als Menschen des Dialogs müssen wir daher den Schulterschluss mit all jenen suchen, die das Anliegen teilen, einer Vereinnahmung von Religion durch radikale Kräfte entgegenzuwirken. Und: Wir brauchen echte Solidarität, wenn Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit Anfeindungen und Übergriffe erfahren. Deshalb sage ich in aller Klarheit: Für Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und jede Form der Menschenfeindlichkeit ist in unserer offenen Gesellschaft kein Platz!“
Die Vorsitzende der Christlich-Islamischen Gesellschaft, Dunya Elemenler, fasste in ihrem Grußwort die gemeinsame Aufgabe von Christen und Muslimen wie folgt zusammen: „Nicht nur über Dialog zu sprechen, sondern ihn zu leben. Nicht nur Strukturen zu schaffen, sondern Beziehungen zu stärken. Nicht nur Unterschiede zu benennen, sondern vor allem Vertrauen wachsen zu lassen. Denn am Ende entscheidet sich die Zukunft des interreligiösen Dialogs nicht auf dem Papier, sondern im Miteinander der Menschen. Wenn es uns gelingt, Dialog als echte Beziehungsarbeit zu verstehen und zu leben, dann kann daraus mehr entstehen als Verständigung: nämlich gegenseitige Wertschätzung, Vertrauen – und vielleicht sogar Freundschaft.“
Wie sich Ressentiments überwinden lassen und sich eine Kultur der Gewaltfreiheit entfalten kann, bildete im weiteren Verlauf des Abends einen Schwerpunkt des Gesprächs zwischen dem katholischen Künstler und Bischof Hermann Glettler (Innsbruck) und dem muslimischen Religionspädagogen und Imam Dr. Abualwafa Mohammed (Wien und Freiburg i. Br.). Beide verbindet eine langjährige Freundschaft. Als wichtige Voraussetzung für gelingende Dialogbeziehungen beschrieb Bischof Glettler eine Haltung der Offenheit: „Fruchtbare Dialoge gelingen nur, wenn wir uns selbst verletzlich machen und uns aus der Sicherheitszone der eigenen Positionen herauslocken lassen – hin zu einer beglückenden Erfahrung des Menschseins.“ Imam Mohammed wiederum bekräftigte: „Jede Art von Dialog lebt von Menschen, die einander wirklich zuhören und begegnen wollen.“
Gleichzeitig warb er für einen Perspektivwechsel, der das Freund-Feind-Denken überwindet: „Wahre Freiheit beginnt dort, wo ein Mensch sich nicht mehr vom Hass, von Angst oder von ideologischen Vereinfachungen bestimmen lässt. Sei es bei Rassisten, Weltverschwörern oder radikalen Islamisten – Hass folgt meist einem dualistischen Weltbild mit demselben Muster: Hier sind die Guten, dort die Bösen. Einen Ausweg gibt es nur, wenn wir versuchen, in jedem einen Menschen zu sehen.“ Bischof Glettler ermutigte dabei die Religionsgemeinschaften auch zu einer selbstreflexiven und veränderungsbereiten Haltung: „Wir können nur dann glaubwürdig für Menschenrechte und eine liberale Demokratie einstehen, wenn wir unsere eigene Geschichte reflektieren und benennen, wo wir die Freiheit von Menschen eher verhindert als gefördert haben. Jede Religionsgemeinschaft und Kirche verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie nicht auch selbst zur inneren Erneuerung bereit ist.“
Bischof Glettler und Imam Mohammed haben im vergangenen Jahr auch ein Buch zu ihren Dialogerfahrungen veröffentlicht. Es trägt den Titel: Nicht den Hass, die Liebe wählen: Ein Bischof und ein Imam über Spuren der Hoffnung in einer verwundeten Gesellschaft.
Hintergrund
Im Jahr 2018 hat die Deutsche Bischofskonferenz zusammen mit ihrer Fachstelle CIBEDO (Christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle) erstmals zu einem bundesweiten Jahresempfang für die Partnerinnen und Partner im christlich-islamischen Dialog eingeladen. Ziel des Empfangs ist es, unterschiedliche Dialog-Akteure zusammenzubringen, geistliche und theologische Perspektiven der christlich-muslimischen Begegnung zu stärken und ein Zeichen des geschwisterlichen Miteinanders zu setzen. Die Begegnung findet jeweils in zeitlicher Nähe zum Hochfest „Mariä Verkündigung“ statt, das neun Monate vor Weihnachten gefeiert wird (25. März). Maria erfährt als Mutter Jesu sowohl unter Christen als auch unter Muslimen große Wertschätzung und kann deshalb als verbindende Figur zwischen beiden Religionsgemeinschaften gelten.
Hinweise
Weitere Informationen zum christlich-islamischen Dialog bietet die neue Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz Christliche-muslimische Beziehungen in Deutschland und sind zudem unter www.dbk.de sowie unter www.cibedo.de verfügbar.