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Predigt im Rahmen der Pontifikalmesse zur Weihe von Altar und Segnung des Ambos in der Wallfahrtskirche in Violau

"Der Herr aber sieht das Herz

15.03.2026

Liebe Schwestern und Brüder, Laetare (freue dich)! - es hätte wohl keinen passenderen Namen für diesen vierten Fastensonntag geben können. Zum einen wegen der Vorfreude, die uns als Christen an diesem Tag erfüllt, weil schon die Hälfte der Fastenzeit erreicht ist und wir mit großen Schritten dem Osterfest entgegengehen. Zum andern, weil wir uns von Herzen über den neu gestalteten Ambo und Zelebrationsaltar freuen dürfen, hier in der prächtigen Wallfahrtskirche St. Michael in Violau.

Seit Jahrhunderten kommen Menschen hierher, um die Nähe Gottes zu suchen und Kraft im Glauben zu finden. Der Tisch des Wortes sowie der Tisch des Brotes werden dabei auch in Zukunft von zentraler Bedeutung bei liturgischen Feiern sein. Beide neuen Elemente fügen sich meinem Eindruck nach hervorragend in das Gesamtbild des Altarraums ein. Darum freue ich mich über diesen fest­lichen Anlass, zu dem ich als Bischof von Augsburg gerne gekommen bin, um mit Ihnen die hl. Messe zu feiern und Gottes Segen auf Altar und Ambo herabzurufen. Mögen sie für lange Zeit Orte sein, an denen wir uns in Gemeinschaft um den Herrn versammeln, seine Botschaft hören und seiner Gegenwart in den gewandelten Gaben von Brot und Wein teilhaftig werden.

Die heutigen Tageslesungen können uns dabei Anlass sein, über die Bedeutung des Begriffs „Sehen“ nachzudenken. Zwei Impulse möchte Ihnen dazu anbieten, die sich auf das berühmte Zitat aus dem ersten Buch Samuel beziehen, das wir eben gehört haben: „Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz“ (1 Sam 16,7)

1. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist…

Bereits der erste Teil des Satzes kann uns motivieren, sich einmal neu zu fragen, mit welchem Blick wir durch die Welt gehen und unseren Mitmenschen begegnen. Nicht wenige Frauen und Männer blicken in der Beurteilung anderer nur auf das äußere Erscheinungsbild und berücksichtigen dabei nicht, wie es im Inneren der jeweiligen Person aussieht.

So war es auch beim Propheten Samuel, der einst den Auftrag von Gott bekam, einen neuen König für das Volk Israel zu suchen. Schon im Vorfeld wurde ihm gesagt, dass es einer der Söhne Ísais aus Bethlehem sein müsse (vgl. 1 Sam 16,1b). Als nun Éliab vor ihm stand, der von besonderer Schönheit war, glaubte er, den neuen Herrscher gefunden zu haben. Doch er irrte sich, denn das war nicht der Wunsch des Herrn!

„Der Mensch sieht, was vor den Augen ist.“ Ich denke, dass es uns heute auch oft wie Samuel geht, wenn wir Menschen in erster Linie danach beurteilen, wie sie aussehen. Zwar sagt das Äußere in der Regel schon etwas über eine Person aus, doch ist es nur die Oberfläche dessen, was diesen Menschen in seiner Einzigartigkeit ausmacht: Seine Fragen und Überzeugungen, Stärken und Ängste, Wünsche und Träume… Hüten wir uns davor, jemanden nur aufgrund äußerlicher Merkmale zu beurteilen oder gar abzuurteilen, wie es beispielsweise auch die Pharisäer im Evangelium mit dem Blindgeborenen taten (vgl. Joh 9,34). Das nämlich ist nicht der Blick Jesu, der immer auf das Herz eines Menschen sieht, und das Gute darin fördern will.

So haben wohl auch die Zisterzienserinnen von Oberschönenfeld bereits im Mittelalter die Wallfahrt hierher nach Violau gefördert, weil sie sahen, dass viele Menschen in dieser Zeit Angst vor der Pest hatten und nach Hilfe suchten. Pilgern, die von weit herkamen, und müde und schmutzig aussahen, bauten sie eine Herberge. Später, im Jahr 1688, kam das Gnadenbild der schmerzhaften Gottesmutter in die Kirche, das noch heute zahlreichen Gläubigen Kraft und Trost spendet. In anrührender Weise blickt Maria liebevoll auf ihren gekreuzigten Sohn, der wie ein Kind auf ihrem Schoß sitzt, und bietet ihn gleichsam uns allen an, als Weg zum ewigen Leben (vgl. Joh 14,6).

Wenn wir nachher den neuen Altar weihen, steht dahinter dieselbe Einladung, insofern uns der Sohn Gottes, Jesus Christus, in jeder hl. Messe leibhaftig angeboten wird. Auch hier gilt: Wer nur mit den Augen der Menschen sieht, kann nicht die Realpräsenz Gottes hinter dem kleinen Stück Brot erkennen. Das gelingt nur denjenigen, die mit den Augen des Glaubens schauen.

Ebenso hören wir am Ambo die Botschaften aus der Bibel nicht nur zur Erinnerung, sondern weil wir uns von Gott ansprechen lassen wollen und Jesus selbst in den Worten des Evangeliums begegnen. Es ist doch spannend, wenn wir heute gehört haben, dass der Blindgeborene nach seiner Heilung von Jesus gefragt wird: „Glaubst du an den Menschensohn?“ (Joh 9,35) Diese scheinbar einfache und zugleich alles entscheidende Frage könnte auch uns heute gelten: Glauben wir wirklich aus tiefstem Herzen, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der uns aus aller Not erretten kann? Denken Sie daran, wenn es Ihnen einmal schlecht geht! Ich wünsche Ihnen, dass Sie dann darauf vertrauen können und mit den Worten des Blindgeborenen antworten: „Ja, Herr, ich glaube!“ (Joh 9,38)

Immer wieder dürfen wir in den verschiedenen liturgischen Feiern, aber auch beim stillen Gebet vor dem Gnadenbild oder auf dem Rosenkranzweg erfahren, dass Gott uns nahe sein will. ER sieht unser Herz, und weiß, was uns bewegt, womit sich der Bogen zu meinem zweiten Gedanken spannt.

2. …der Herr aber sieht das Herz

Von allen Söhnen Ísais soll der Prophet Samuel auf Weisung Gottes aus­gerechnet den jüngsten zum König erwählen, der gerade die Schafe hütet (vgl. 1 Sam 16,11). Es ist David, unter dessen Regentschaft Israel seine größte Blütezeit erleben wird. Warum fiel die Wahl des Herrn gerade auf ihn? Wir wissen es nicht, können aber vermuten, weil Gott im Herzen dieses keineswegs fehlerfreien Menschen die passenden Anlagen für einen guten König sah. Was genau wir dabei unter „gut“ verstehen können, haben wir vorhin in der zweiten Lesung aus dem Epheserbrief gehört: „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“ (Eph 5,9). Das ist es, was einen Christen auszeichnen sollte. Und vielleicht kann uns die anschließende Mahnung, „Prüft, was dem Herrn gefällt“ (Eph 5,10), auch ein guter Vorsatz sein für die noch verbleibenden Wochen in der Fastenzeit. Achten wir bei allem, was wir tun und sagen, darauf, ob es - im Sinne Gottes - gut, gerecht und wahr ist.

Zwei Heilige, die uns dabei als Vorbild dienen können, sind die hl. Birgitta von Schweden und der hl. Simpert, deren Reliquien wir heute unter dem Altar beisetzen. Birgitta lebte im 14. Jahrhundert und war eine bedeutende Mystikerin, Ordensgründerin und Frauenpersönlichkeit des Mittelalters. Ihre besondere Verehrung galt dem leidenden Christus, dem sie durch Gebet und dem Dienst an Kranken folgen wollte. Sie sah die Menschen mit den Augen Gottes, setzte sich für Frieden ein, half den Schwachen und scheute sich auch nicht, den damals Mächtigen ins Gewissen zu reden, wie zum Beispiel den Päpsten im französischen Avignon, um sie zu einer Rückkehr nach Rom zu bewegen. Zurecht hat Papst Johannes Paul II. sie darum im Jahr 1999 neben Katharina von Siena und Edith Stein zur Patronin Europas erhoben.

Der Zweite ist der hl. Simpert; knapp dreißig Jahre lang Bischof von Augsburg und einer unserer drei Bistumspatrone. Auch er sorgte sich um das Wohl der ihm anvertrauten Gläubigen, besonders der Kinder und Jugendlichen, weswegen wir ihn als Schutzpatron der jungen Leute verehren.

Mein Wunsch für die Pfarrei Violau sowie die ganze Pfarreiengemeinschaft lautet: Bewahren Sie sich den Blick für das Wesentliche! Schielen Sie nicht nach Dingen oder Menschen, die Ihnen nicht guttun! Geben Sie Gott in dieser schönen Wallfahrtskirche die Ehre, welche bekanntlich nur deshalb noch steht, weil die Gemeinden Unterschöneberg und Neumünster das Gebäude im Zuge der Säkularisation für 2000 Gulden dem Staat abkauften und somit den Abbruch verhinderten. Die heutige Feier mit Altarweihe und Segnung des Ambos ist ein weiteres Zeugnis dafür, dass die Haupt- und Ehrenamtlichen dieser Pfarreiengemeinschaft sich für ihre Kirche engagieren, wofür ich Ihnen allen von Herzen danke. Entscheidend bleibt, dass nicht nur das Kirchen­gebäude glänzt, sondern dass wir alle als „Kinder des Lichts“ (Eph 5,8) leben und unsere Glaubensfreude nach innen und außen strahlt: Laetare! Freue dich!

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