Die Würde der Überlebenden
Holocaust-Überlebender – mit diesem Begriff verbindet man Bilder von aus dem KZ befreiten, ausgemergelten Gestalten mit leerem Blick, Gestalten, denen scheinbar jede Würde genommen wurde. Eine Idee des britischen Königs Charles, sieben Überlebende von sieben Künstlern porträtieren zu lassen und damit ihre unauslöschbare Würde wieder in den Vordergrund zu rücken, stand am Dienstag, dem Shoa-Gedenktag, im Mittelpunkt einer Veranstaltung des Akademischen Forums der Diözese Augsburg. Das Besondere: Einer der sieben Künstler war dabei und sprach über sein ganz und gar ungewöhnliches Werk.
Es ist nicht vorbei. Denn wenn es vorbei wäre, müsste dann eine Veranstaltung im Augsburger Haus Sankt Ulrich zum Shoa-Gedenktag von Beamten der Augsburger Polizei geschützt werden? Schon beim Betreten des Foyers wurden die Besucher angesichts der unübersehbaren Uniformen daran erinnert, wie aktuell die Beschäftigung mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, die vor rund 90 Jahren von Deutschland ausgegangen sind.
Wenn auch die Erinnerung an den Holocaust zu verblassen droht, auch, weil die betroffene Generation uns zunehmend verlässt, so können Filme diese Erinnerung hochhalten. Wie ethisch und ästhetisch angemessen erinnert werden kann, zeigte Prof. Dr. Lea Wohl von Haselberg in ihrem Vortrag auch an Hand des Dokudramas „Die Kinder von Windermere“ über eine Gruppe von überlebenden Kindern und Jugendlichen, die nach dem Krieg in England ein neues Leben aufbauen konnten.
Einer der Protagonisten dieses Films war Arek Hersh. Ihn hat der italienische Künstler Massimiliano Pironti im Rahmen des von König Charles initiierten Kunstprojektes „Seven Portraits: Surviving the Holocaust“ porträtiert. Das Gemälde sieht fast aus wie ein Foto, so realistisch hat Pironti den 93-jährigen Hersh gemalt – einen Mann mit einem frühen Leben in Dunkelheit, in das er aber nach 1945 mit einem starken Überlebenswillen viel Licht hineinlassen konnte.
In Augsburg erzählte Pironti, dass er sich zunächst durch die Lektüre der Autobiographie Arek Hershs sich seinem Leben angenähert hat. Dann hätten sie viel miteinander gesprochen und aus der intensiven Zusammenarbeit sei eine „wunderschöne Freundschaft“ entstanden - noch immer schreiben sich die beiden regelmäßig.
Von dem Kunsthistoriker Oliver Class zu der fast fotorealistischen Art seines Malstils befragt, sagte Pironti: „Ich bin Italiener, ich bin mit Raffael und Michelangelo aufgewachsen, ich liebe diese Art von Malerei.“ Er versuche, nicht nur den Menschen zu malen, sondern auch seine Seele: „Kunst muss wahrhaftig und authentisch sein.“ Arek Hersh habe er stolz und zufrieden erlebt: „Er hat ein neues Leben angefangen in England – aber die Wunde ist immer noch da.“
Es ist nicht vorbei. Wie sagte Bischof Dr. Bertram Meier in seinem (verlesenen) Grußwort: „Die Thematik konfrontiert uns Nachgeborene mit der inzwischen wieder höchst konkreten Frage: Wie will ich, wie werde ich mich verhalten, wenn Menschen in meiner Umgebung stigmatisiert und ausgegrenzt werden, wenn Gewalt und Unterdrückung, ja gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zur Staatsdoktrin erklärt werden?“ Und der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg (die den Abend gemeinsam mit dem Akademischen Forum veranstaltete), Alexander Mazo, ergänzte: „Erinnerung allein reicht nicht. Worte alleine reichen nicht. Wir müssen hinschauen. Wir müssen handeln. Wir müssen Verantwortung übernehmen. Wir müssen fragen, was tun wir heute?“
Doch dank der Kunst Massimiliano Pirontis gibt es auch Grund zum Optimismus. Denn das Portrait von Arek Hersh zeigt einen Mann, der Schmerz erlebt hat, aber genauso einen Mann, der die Dämonen des Bösen besiegt hat. Arek Hersh hat gewonnen - und Massimiliano Pironti zeigt es.