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Wichtiges
Ostern im Augsburger Dom

"Nicht auszudenken, wenn es sie nicht gegeben hätte!"

05.04.2026

Augsburg (pba). In seinen Predigten zu den Hochfesten der Osternacht und am Ostersonntag hat Bischof Bertram die Rolle der Frau in der biblischen Überlieferung von Kreuzigung und Auferstehung in den Mittelpunkt gestellt. Vor allem die „Apostelin der Apostel“ Maria Magdalena habe erst die Basis für die Mission der Kirche gelegt, auch wenn ihre Bedeutung im Laufe der Zeit zunehmend vergessen worden sei.

„Sein oder Nicht-Sein. Manchmal geht es im Leben um alles“, begann der Bischof seine Predigt während der Osternachtfeier im Augsburger Dom am Samstagabend. Dabei handele es sich nicht nur um eine Anspielung auf Shakespeares Hamlet, die Frage von Auf- und Abstiegskampf im Fußball oder gar das Ringen um Leben oder Tod im medizinischen Kontext, sondern letztendlich um eine prägnante Zusammenfassung von Ostern als einem Moment, bei dem es „Spitz auf Knopf“ stand – und letztendlich doch ein Stein ins Rollen gekommen sei.

Nach der Kreuzigung Jesu habe es zwei Möglichkeiten gegeben, so der Bischof: „Jesus war tot, und er blieb tot, für immer. Dann wäre er ein begnadeter Prediger gewesen, eine charismatische Persön­lichkeit wie einst Barak Obama oder Johannes Paul II. Aber eben nicht mehr. Der Stein wäre vor dem Grab liegen geblieben, für immer. Dann hätten die Mächtigen Erfolg gehabt. Judas und Hannas, Kaiphas und Pilatus wären am längeren Hebel gesessen. Da hätten sie in ihrer konzertierten Aktion, die dreißig Silbermünzen kostete, diesen unbequemen Propheten zum Schweigen gebracht, für immer.“

Die Ostervigil am Samstag vor dem Dom.

Die Ostervigil am Samstag vor dem Dom.

Doch es sei anders gekommen. Das leere Grab hätte freilich bei den Frauen, die den Toten konservieren wollten, ein berechtigtes Gefühlschaos ausgelöst, verstärkt noch durch den Spruch des Engels: „Fürchtet euch nicht!“  - für Bischof Bertram ein klarer Rückgriff auch auf die Hirten, denen bei Jesu Geburt ebenso der Engel erschienen sei und die die ersten Besucher des menschgewordenen Gottes gewesen seien: „Hirten und Frauen – damals Menschen ‚zweiter Klasse‘, wenig glaubwürdige Zeugen, die mit den Knackpunkten der Erlösung vertraut gemacht werden. Da kommt wirklich ein Stein ins Rollen: Frauen und Hirten verkünden das Evangelium. Was könnte das bedeuten über Weihnachten und Ostern hinaus, für unsere pastoralen Dienste in der Kirche, auch für die amtliche Verkündigung?“

Im Festgottesdienst am Morgen des Ostersonntags griff der Bischof diesen Gedanken noch einmal auf, indem er die besondere Rolle der „Apostelin der Apostel“ Maria Magdalena hervorhob. Die aus dem kleinen Ort Magdala am See Gennesaret stammende Frau habe Jesus laut biblischem Zeugnis „von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf“ begleitet und sei eine seiner treuesten Unterstützerinnen gewesen – ein Bild freilich, das in späterer Überlieferung zunehmend durch andere Geschichten und Darstellungen überdeckt worden sei, namentlich von der „reuigen Sünderin“ mit schwieriger Vorgeschichte. Diese Überlagerung der biblischen Jüngerin müsse zornig machen, so Bischof Bertram: „Von solchen überlieferten, gepredigten und gemalten Magdalenenbildern sollten wir Abstand nehmen. Sie sind bibelwissenschaftlich nicht haltbar und samt und sonders spätere Verwechslungen mit anderen Personen.“

Im Rahmen der Osternacht wurde im Dom auch eine Taufe gefeiert.

Im Rahmen der Osternacht wurde im Dom auch eine Taufe gefeiert.

Tatsächlich werde sie in der biblischen Überlieferung als ein Mitglied im engeren Jüngerkreis geschildert, die Jesus viel zu verdanken habe, ihm „durch dick und dünn“ gefolgt sei und letztendlich am Ostertag eine Hauptrolle gespielt habe. „Maria Magdalena weint - die Jünger weinen nicht. Sie sind gar nicht da: ‚Da verließen ihn alle Jünger und flohen‘ (Mt 26,56). Wie immer man die Botschaft der Evangelien auch drehen und wenden mag, daran lässt sich nicht deuteln: In der entscheidenden Stunde glänzen die ‚starken Männer‘ durch Abwesenheit. Die Frauen jedoch sind da.“

Die von Papst Franziskus förmlich zur „Apostelin der Apostel“ erhobene Maria Magdalena führe damit keinen bloßen Ehrentitel, auch wenn sie laut der biblischen Überlieferung bei der nach Jesu Tod anstehenden Apostelwahl letztendlich übergangen worden sei: „Eigentlich erfüllt Maria Magdalena das Kriterium, Ohren- und Augenzeugin von Jesu Wirken zu sein. Sie wäre eine Kandidatin gewesen, um als Frau den Zwölferkreis zu komplettieren, aber sie wurde nicht in Erwägung gezogen. Sie hätte amtliche Apostelin sein können, aber nach biblischem Befund wurde sie es nicht. Eine Begründung dafür bleibt die Apostelgeschichte allerdings schuldig.“

Das Pontifikalamt am Sonntag wurde musikalisch von den Domsingknaben begleitet.

Das Pontifikalamt am Sonntag wurde musikalisch von den Domsingknaben begleitet.

Dies sei indes weder Schande noch Diskriminierung, sei ihr Apostolat doch mindestens genauso wichtig gewesen wie das der bekannten Zwölf. „Maria Magdalena ermöglicht das amtliche Apostolat und hilft, es zur Entfaltung zu bringen. Magdalenas Apostolat geht dem amtlichen Apostolat voraus und begründet es. Damit ist sie die Basis für die Mission der Apostel“, betonte der Bischof abschließend: „Nicht auszudenken, wenn es Magdalena nicht gegeben hätte!“

Die Osternacht wurde im von zahlreichen Kerzen erleuchteten Hohen Dom feierlich begangen. Im Gottesdienst wurde, einem uralten Brauch der Kirche folgend, durch Bischof Bertram zudem eine Taufe vorgenommen und der kleine Täufling damit symbolisch der Gemeinde vorgestellt und in diese aufgenommen. Musikalisch wurde der Festgottesdienst von einer Schola der Augsburger Domsingknaben mit geistlichen Chorsätzen begleitet. Der Gottesdienst wurde zudem live im Fernsehen auf augsburg.tv und allgäu.tv übertragen. Der Kammerchor der Augsburger Domsingknaben sang am Ostersonntag die „Missa Virgo Prudentissima“ von Heinrich Isaac, begleitet von einem Bläserensemble.