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Weltkirche

Interreligiöser Dialog als gelebter Alltag

04.08.2026

Bonn/Augsburg (DBK). Bischof Bertram ist an diesem Dienstag von seiner einwöchigen Reise aus Südostasien zurückgekehrt. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz hatte er sich in Singapur, Hongkong und Macau über die Situation der katholischen Kirche vor Ort informiert und den Blick auch auf die schwierige Lage der Katholikinnen und Katholiken in Festlandchina gerichtet.

„Auf meinen einzelnen Stationen habe ich sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen vorgefunden“, bilanziert Bischof Bertram. „Während in Singapur die Katholiken frei atmen können – dies allerdings in einem überaus reglementierten Gesellschaftssystem – stehen die Menschen in Hongkong und Macau immer stärker unter dem Druck der chinesischen Zentralregierung in Peking. Die katholische Minderheit sieht sich hier durch eine vertiefte staatliche Regulierung in ihren Handlungsmöglichkeiten zunehmend eingeengt.“

Auftakt der Reise war der Stadtstaat Singapur, der wie kaum ein anderer Ort für das Zusammenleben unterschiedlichster Kulturen, Ethnien und Religionen auf engstem Raum steht. Auf nur 730 Quadratkilometern – das ist etwa die Flächengröße Hamburgs – leben hier rund sechs Millionen Menschen, die meisten haben chinesische Wurzeln. Etwa 400.000 sind katholisch. Bischof Bertram begegnete unter anderem dem Erzbischof von Singapur, Kardinal William Goh, der als Grundlage des funktionierenden Miteinanders „gegenseitigen Respekt“ nannte. Alle Religionen, so Kardinal Goh, lehrten ähnliche Werte wie Liebe, Gerechtigkeit und Harmonie, sodass jede von den anderen lernen könne. Interreligiöser Dialog in Singapur sei weniger eine akademische Disziplin als gelebter Alltag. Eine herausragende Bedeutung für den gesellschaftlichen Frieden maß der Kardinal auch dem säkularen Charakter des Staates zu, der keine Religion bevorzuge.

In Hongkong und Macau traf Bischof Bertram auf eine gesellschaftliche, politische und kirchliche Situation, die sich deutlich von Singapur unterscheidet. Beide waren bis Ende des vergangenen Jahrhunderts europäische Kolonien und nehmen seitdem als Sonderverwaltungszonen innerhalb der Volksrepublik China eine spezielle Stellung ein. Sie genießen eine stärkere politische und gesellschaftliche Freiheit, die jedoch in den vergangenen Jahren, besonders seit den Studentenunruhen 2019/2020, zunehmend unter Druck geraten ist. Diese Entwicklungen haben auch Auswirkungen auf das religiöse Leben.

Bischof Bertram führte unter anderem Gespräche mit dem Bischof von Hongkong, Kardinal Stephen Chow, und dem Bischof von Macau, Stephen Lee Bun-Sang. Außerdem tauschte er sich mit den ehemaligen Erzbischöfen von Hongkong, Kardinal John Tong und Kardinal Joseph Zen, aus. Bischof Bertram hebt in seiner Bilanz hervor: „Bei all diesen Gesprächen richtete sich unser Blick auch auf das chinesische Festland. Die Situation der Katholiken dort ist schwieriger und auch dramatischer als in den Sonderverwaltungszonen. Die Kirche hat hier unter erheblichen Einschränkungen zu leiden – bis hin zum Verbot der religiösen Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Auch die Möglichkeiten des internationalen Austausches und der Unterstützung der Kirche in Festlandchina sind in den letzten Jahren geringer geworden.“

Kirche inmitten von Hochhäusern: Die katholische Kathedrale des Bistums Hongkong.

Kirche inmitten von Hochhäusern: Die katholische Kathedrale des Bistums Hongkong.

Zur komplexen Lage gehören nicht zuletzt auch die Spannungen innerhalb der katholischen Kirche in China. Diese tun sich vor allem zwischen den offiziell etablierten Strukturen der registrierten katholischen Kirche und den Untergrundgemeinden auf, die sich der Kooperation mit dem – die Autorität des Heiligen Stuhls ablehnenden kommunistischen Staat entziehen. Der Heilige Stuhl hat 2018 auf die Konfliktsituation mit dem Abschluss eines vorläufigen und inzwischen mehrfach verlängerten Abkommens mit der chinesischen Regierung reagiert, um durch ein abgestimmtes Verfahren bei der Ernennung von Bischöfen die Einheit innerhalb der chinesischen Kirche und zugleich mit der Weltkirche herzustellen. Der Text des Abkommens allerdings ist bis heute nicht veröffentlicht.

Einen vertieften Einblick in das soziale Engagement der Kirche gewann Bischof Bertram bei einem Besuch der Caritas in Hongkong. Diese ist nicht nur der karitative Arm der Diözese, sondern auch ein zentraler Pfeiler der gesamten Stadtgesellschaft. 1953 gegründet, hatte sie zunächst die Aufgabe, den Hunderttausenden von Geflüchteten zu helfen, die nach dem Zweiten Weltkrieg und während des chinesischen Bürgerkriegs nach Hongkong strömten. Inzwischen ist die Caritas mit ihren sozialen Diensten, Kindergärten und Schulen an mehr als 270 Standorten eine der größten nicht-staatlichen Organisationen der Stadt. Sie erreicht mit ihren Angeboten rund drei Millionen Menschen, mehr als ein Drittel der gesamten Bevölkerung Hongkongs.

Bischof Bertram fasst sein Fazit so zusammen: „Ich habe in Singapur, Hongkong und Macau sehr verschiedenartige Situationen erlebt. Aber was mir auf jeder Station meines Besuches in den Sinn gekommen ist, war die Frage: Wo bleibt der Mensch? Wieviel Individualität wird ihm in diesen Millionenstädten, in denen viele unter sehr beengten Verhältnissen leben müssen, zugestanden? Gerade deshalb bin ich sehr froh, viele katholische Gemeinschaften und Initiativen gesehen zu haben, in denen die Menschen nicht nur nach ihrer politischen Verlässlichkeit und ihrer gesellschaftlichen Effizienz beurteilt werden, sondern als das, was sie sind: persönlich geliebte Geschöpfe Gottes.“