Mit Kraft, Liebe und Besonnenheit in die Zukunft
Für deutsche Rompilger ist der Campo Santo Teutonico innerhalb der Mauern des Vatikans heute ein Geheimtipp. Für etliche deutsche Priester im 19. Jahrhundert wurde er es in Zeiten des Kulturkampfs auch, als dieser zum Zufluchtsort für sie wurde. Wissenschaftliches Studium, speziell die Kirchengeschichte, und archäologische Forschung stehen seit 150 Jahren hier im Zentrum. Die dreitägigen Jubiläumsfeierlichkeiten des - heute Päpstlichen - Priesterkollegs fanden an diesem Sonntag bei einem Festgottesdienst mit Bischof Dr. Bertram Meier, dem Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für diesen idyllisch gelegenen Ort, ihren Abschluss.
In seiner Festpredigt erinnerte Bischof Bertram, selbst Altcamposantiner, vor den Kollegiaten um ihren Rektor Prälat Dr. Peter Klasvogt, Mitgliedern der Erzbruderschaft und Festgästen an die Worte des verstorbenen Papstes Benedikt XVI., als er dieses Haus vor 16 Jahren zum Päpstlichen Kolleg erhob: Sein Wunsch sei es damals gewesen, dass dieser Ort immer mehr zum Blühen gebracht werde und vielen Menschen beim Erwerb von Kultur, Bildung wie auch christlichem Glaubensgut helfen möge. So könne „dieses Jubiläum ein Kairos sein, neu in sich zu gehen und in Würdigung der Geschichte dieses traditionsreichen Hauses zu überlegen, worauf es ankommt, um dem Wunsch von Papst Benedikt möglichst gerecht zu werden“, schärfte der Bischof den Blick für eine historische Würdigung des Kollegs und richtete diesen gleichzeitig auf die Zukunft aus.
Ins Zentrum seiner Predigtworte stellte Bischof Bertram dabei den einen Vers aus dem ersten Kapitel des zweiten Timotheus-Briefs: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“. Drei große Worte, zu denen der Bischof je einen kurzen Gedanken anbot, weil er davon überzeugt sei, „dass diese biblische Zusage uns nicht nur eine trostreiche Verheißung, sondern auch ein Auftrag ist, der dieses Kolleg – im Sinne des Herrn – in eine gute Zukunft führen kann“.
Den „Geist der Kraft“, durch dessen Hilfe Menschen neu aufbrechen, Furcht überwinden und mutig für den Glauben eintreten könnten, veranschaulichte der Bischof anhand der wechselvollen Geschichte des Kollegs seit seiner Gründung im Jahr 1876 unter Rektor Anton de Waal sowie durch das mutige Wirken des irischen Monsignore Hugh O’Flaherty, der im Zweiten Weltkrieg Verfolgte rettete. Diese historische Stärke solle der heutigen Generation als Vorbild dienen, um Verunsicherungen mutig zu überwinden. Denn es sei „unsere Berufung als Priester oder auch als Bischöfe, dem frohmachenden Wort Gottes immer wieder neue Wege zu bahnen, damit die Freude über Gottes Liebe zu seiner Schöpfung wachse und Menschen davor bewahrt werden, Unglückspropheten zu folgen, die davon leben, Menschen gegeneinander aufzuhetzen und sich selbst als ‚Retter des Volkes‘ zu inszenieren“ mahnte er seine Mitbrüder im geistlichen Amt. Dafür braucht es nicht nur den „Geist der Kraft“, sondern auch den „Geist der Liebe“.
So forderte Bischof Bertram eine Erneuerung von Empathie und Gastfreundschaft als Markenzeichen dieser vatikanischen Institution. Getreu dem Motto, dass Rechtgläubigkeit auch Glaubwürdigkeit brauche, plädierte er für einen offenen, respektvollen und warmherzigen Umgang miteinander, der vor voreiligen Schlüssen und dogmatischer Härte schützt. Bischof Bertram: „Ich bin überzeugt, dass die urchristlichen Gemeinden auch deshalb Menschen angezogen haben, weil diese hier etwas spüren konnten von jener Liebe, über die wir als Theologen so gerne reden.“
In dem Zusammenhang erinnerte er an die Vorgeschichte des Kollegs als Hospiz und somit an einen Ort für Menschen, die nach Gastfreundschaft und Sicherheit suchten – und dabei immer auch auf den „Geist der Besonnenheit“ trafen. Als historische Vorbilder für besonnenes Handeln seit Gründung des Kollegs nannte der Bischof exemplarisch herausragende Gelehrte des Hauses wie den „Papst der Kirchenhistoriker“ Hubert Jedin und Erwin Gatz, der 35 Jahre als Rektor amtierte. Das Wirken solch exzellenter Wissenschaftler zeige eindrücklich, welche Früchte die Kombination aus einem scharfen Verstand und tiefer Gottverbundenheit hervorbringen könne. Zugespitzt formulierte Bischof Bertram, selbst ehemaliger Vize-Rektor des Kollegs: „So kann wissenschaftliche Besonnenheit uns vor voreiligen Schlüssen, invaliden Thesen und in der Folge großen Irrtümern schützen.“
Bereits tags zuvor würdigte Papst Leo XIV. das deutschsprachige Kolleg zwischen Petersdom und Audienzhalle als sicheren Ort der Ausbildung und des intellektuellen Austauschs. Alle Institutionen des im achten Jahrhundert wurzelnden Campo Santo Teutonico dürften „voll Dankbarkeit auf die reichen Früchte dieser Geschichte blicken“, sagte er am Samstag bei einer Privataudienz vor Mitgliedern des Kollegs. Weiter verwies der Papst auf „die einzigartige Nähe zum Grab des Apostels Petrus, die in der Geschichte dieser Einrichtung seit ihren Anfängen mit einer treuen inneren Verbundenheit zum Papst einherging“.
Die dreitägigen Jubiläumsfeierlichkeiten begannen am Freitag mit einem Studientag.
Hintergrund
Der Campo Santo Teutonico liegt auf dem Territorium der frühmittelalterlichen Schola Francorum auf extraterritorialem Gebiet des heutigen italienischen Staates. Bereits seit dem späten 8. Jahrhundert wird dort ein Friedhof bezeugt, auf dem vor allem Pilger deutscher Sprache bestattet wurden. Papst Leo III. schenkte das Gelände 800 n. Chr. Karl dem Großen anlässlich seiner Kaiserkrönung in Rom. Heute gehört es der um 1450 gegründeten Erzbruderschaft zur Schmerzhaften Muttergottes.
Im 19. Jahrhundert wurde in den Gebäuden um den Friedhof herum durch die Erzbruderschaft ein Priesterkolleg gegründet. Dessen Gründungsrektor wurde 1876 Prälat Anton de Waal, der das Kolleg zu einem Zentrum der kirchengeschichtlichen Forschung und der frühchristlichen Archäologie machte. Heute beherbergt der Campo Santo Teutonico eine umfassende Bibliothek, die zu den bedeutendsten Forschungseinrichtungen in Rom gehört, das Römische Institut der Görres-Gesellschaft und einen Tagungs- und Gästebereich unter dem Namen ‚Forum Campo Santo Teutonico‘. Im Collegio Teutonico wohnen Priester und einige Laien, die sich in Rom auf ihre Promotion vorbereiten oder an der vatikanischen Kurie tätig sind.