„Schulter an Schulter miteinander“
Mit einer Gemeinschaftsfeier in der evangelischen St. Anna-Kirche und einem Festakt im Kleinen Goldenen Saal fand in Augsburg an diesem Sonntag der Höhepunkt zur diesjährigen Aktionswoche im Rahmen der christlich-jüdischen Zusammenarbeit statt. Dabei warb Bischof Dr. Bertram Meier in geopolitisch und gesellschaftlich angespannter Zeit für einen Schulterschluss der Religionen. Denn es sei wichtig, „dass wir als einzelne und als Religionsgemeinschaften, als Geschwister im Glauben, stärker zusammenrücken und uns unserer gemeinsamen Zielrichtung, nämlich dem Hören und Befolgen von Gottes Wort, vergewissern“, sagte der Bischof beim Festakt.
Das Grußwort
Wo Vielfalt und Vielstimmigkeit oft diskreditiert würden und man Autorität zunehmend mit brachialer Gewalt statt mit Weitblick und Gemeinwohl verbinde, brauche es Menschen, die etwas schultern können, und Institutionen, die Halt und Orientierung geben, unterstrich Bischof Bertram. Zudem verwies er in seinem Grußwort dankbar auf ein 2024 erschienenes Studienbuch zur Rolle des Judentums in christlicher Theologie unter dem Titel „Schulter an Schulter“. Die zahlreichen Beiträge aus unterschiedlichen theologischen Disziplinen wollten nicht nur Basiswissen über das Judentum und das Jüdische im Christentum vermitteln, sondern stellten sich auch den Grundfragen zum Verhältnis von Kirche und Judentum. Zudem sei das darin formulierte Ziel deckungsgleich mit dem in diesem Jahr gewählten Fokus christlich-jüdischer Zusammenarbeit, nämlich „ein Bewusstsein zu schaffen, damit Judentum und Christentum künftig gemeinsam, Seite an Seite, Schulter an Schulter lernen und leben und Gott dienen können“.
Im Rückblick auf den 60. Jahrestag des Konzilsdokuments Nostra aetate im vergangenen Jahr erinnerte der Bischof an den vollzogenen Paradigmenwechsel im Umgang mit allen Religionen, ganz besonders aber an „die längst überfällige Neuausrichtung katholischer Theologie und christlichen Selbstverständnisses im Blick auf das Judentum“. Seitdem hätten sich nicht nur die Päpste, sondern zahlreiche Katholikinnen und Katholiken für eine geschwisterliche Annäherung - vor allem in Lebenspraxis und gesellschaftlichem Miteinander – stark gemacht. Bischof Bertram wünschte den in diesem Bereich aktiven Initiativen, dass es ihnen auch künftig gelinge, junge Menschen dafür zu gewinnen, sich für Verständigung sowie den sozialen und religiösen Frieden einzusetzen.
Gottesdienstlicher und sinnenfälliger Ausdruck des eingeforderten interreligiösen Schulterschlusses war die Gemeinschaftsfeier in der evangelischen St. Anna-Kirche, die musikalisch von Johannes Eppelein an der Orgel und Angelika Löw-Beer an der Violine mit Stücken von Josef Gabriel Rheinberger gerahmt wurde. Nach der Begrüßung durch den evangelischen Regionalbischof Thomas Prieto Peral, bei der er sich bei allen bedankte, die an dieser Feier mitwirkten, und die Notwendigkeit von „Bildern des Zusammenseins“ ansprach, hielt Prof. Dr. Susanne Talabardon eine Ansprache zur biblischen Stelle zu Hagar und Ismael aus dem Buch Genesis, Kapitel 16.
Die Ansprache
Die Professorin für jüdische Studien an der Universität Bamberg trug die letzten Verse dieser zentralen Stelle aus dem Leben des jüdischen Stammvaters Abraham und seiner Frau Sara auf Hebräisch vor und legte diese unter dem Gesichtspunkt des Schulterschlusses mit Gott aus: „Schulter an Schulter heißt: Gott ist mit der Verstoßenen, der Gedemütigten, mit der Gekränkten und Missbrauchten. Er straft alle Selbstgewissen mit Überraschung. Er lässt sich nicht vereinnahmen, nicht einmal theologisch“, betonte Professorin Talabardon. Ein Nackenschlag für all jene, die meinen, Gott und seine Wege zu kennen.
Und sie fügte mit Bezug auf die Bibelstelle und ausbuchstabiert ins Heute hinzu: Wer nur auf den Alleinbesitz ewiger Wahrheiten setze, von denen die anderen überzeugt werden müssten, lande garantiert in einer Wüste ohne Wasserbrunnen, soviel sei sicher. Schulter an Schulter bedeute für sie vielmehr Folgendes: „Mit Offenheit und Neugierde auf jeden Menschen hören, der etwas zu sagen hat, ob Frau, Sklavin oder Fremde. Es könnte ja immerhin sein, dass eine neue Perspektive eine frische Quelle sichtbar macht, wo unsereins nur Sand und Steine wahrnimmt.“
Nach einem Jüdischen Friedensgebet, in welchem die Bitten ins Wort gefasst waren, dass die Welt von Krieg und Blutvergießen befreit werde und keine Nation mehr das Schwert gegen eine andere erhebe, sprach Bischof Bertram ein Wort zur Sendung, in dem er den Wunsch äußerte, dass wir uns als Mitglieder religiöser Gemeinschaften senden lassen und aufeinander aufpassen wie es Geschwister für gewöhnlich täten. Mit der Spendung des aaronitischen Segens endete die religiöse Feier und fand seine weltliche Fortsetzung beim musikalisch von Kirill Kvetniy am Flügel sowie den beiden Gesangssolisten Miriam Galonska und Wiad Wiholt umrahmten Festakt im Kleinen Goldenen Saal.
Der Festvortrag
Nach den Grußworten aus Kirche, Politik und Gesellschaft ließ es sich der Festredner des Abends, Dr. Ludwig Spaenle, nicht nehmen, für mehr Sensibilität und Wachsamkeit innerhalb der deutschen Gesellschaft zu werben, speziell wenn es um die Menschenwürde und die Bürgerreichte von Menschen jüdischen Glaubens geht. Seit 2018 ist der frühere Staatsminister für Unterricht und Kultus nun schon Beauftragter der bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. So würdigte er in seiner Rede die Menschen aus den beiden christlichen Kirchen, die auf einem „Berg von Schuld“ im Nachkriegsdeutschland begannen, mit den teils wieder neu entstehenden jüdischen Gemeinden einen Dialog auf Augenhöhe zu führen.
„Solange jüdische Männer, Frauen und Kinder hierzulande nicht ein freies selbstbestimmtes Leben führen könnte wie der Rest unserer Gesellschaft ist etwas faul im Staate“, mahnte Spaenle die besondere Verantwortung aller an, sich Antisemitismus und Judenhass entgegenzustellen. Und ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er in der Fußballersprache zur Unterstützung aufforderte: „Wir sollten die Fans unserer jüdischen Kommunität sein, Schulter an Schulter mit ihnen den Weg gehen, damit etwas Besseres entsteht.“
Die Aktionswoche steht heuer unter dem Motto „Schulter an Schulter miteinander“ und dauert noch bis zum kommenden Wochenende. Organisiert und vorbereitet wurde die Woche, in der neben Gemeinschaftsfeier und Festakt des Weiteren eine Diskussionsveranstaltung und ein Vortrag sowie eine Führung über den jüdischen Friedhof in Haunstetten und ein Tanzworkshop auf dem Programm stehen, traditionell von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Augsburg und Schwaben.


