Menü
Wichtiges
Fortbildung

Sich für einen gesellschaftlichen Klimawandel stark machen

02.03.2026

Der Umgangston in alltäglichen Gesprächen, bei Veranstaltungen und in den Medien – nicht nur in den vermeintlich „sozialen“ - ist vielerorts rauer geworden. Die eigene Überzeugung wird zum Maßstab erhoben, andere Meinungen und Lebensumstände nicht anerkannt oder sogar offen abgelehnt. Die verheerenden Folgen: Ängste kommen auf, Verletzungen entstehen und das gesellschaftliche Klima verändert sich abrupt. Grund genug für dutzende Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Studientags des Bischofs, sich an diesem Montag im Haus Sankt Ulrich mit dem spürbaren „Klimawandel“ in den Formen menschlichen Zusammenlebens auseinanderzusetzen und über Lösungsansätze für eine mögliche Kehrtwende nachzudenken. 

Eines vorweg: Die drei namhaften Impulsgeber zeigten an diesem Tag auf, wie Kirche durch glaubwürdiges Handeln in der Seelsorge und ihrem Engagement darüber hinaus Gesellschaft auch künftig mitgestalten, Demokratie fördern und so das Miteinander im Alltag wieder besser gelingen kann. Den Auftakt aber machte Bischof Dr. Bertram Meier als Namens- und Gastgeber des Studientags mit seiner Begrüßung, in dem er die zwei Pole „Gastfreundschaft“, die wohltuend und aufbauend sein kann, und die „Abgrenzung“, die ängstlich und misstrauisch macht, gegenüberstellte. Seine Fragen in die Runde – und damit wohl auch an die Referenten dieses Tages: Welche Haltungen braucht es, um der zu beobachtenden gesellschaftsverändernden Zerreißprobe gegenzusteuern? Und wie können wir Menschenrechte, Freiheit und Solidarität heute fördern?

In seinem Vortrag über die „Logik der Angst“ – gleichsam der Titel seines Buches - skizzierte der international gefragte Extremismus-Experte Peter Neumann zunächst die Bedingungen, unter denen rechtsextreme- und populistische Bewegungen entstehen und wachsen, mit welchen Themen (Migration, Politische Korrektheit, Europa) sie bei Wählern punkten und durch welche Handlungsstrategien (Flucht, Kampf, Beteiligung) sie ihre Ziele erreichen möchten. Dabei schilderte Professor Neumann das nicht mehr einzuhaltende Aufstiegsversprechen aufgrund des ausbleibenden Wirtschaftswachstums und die nicht mehr existierende Verankerung in einer stabilen Identität als maßgebliche Faktoren, die in einer Gesellschaft Ängste schüren können.

Gleichzeitig sensibilisierte er auch für das Verhältnis von Rechtsextremismus zum Christentum in seinen verschiedenen ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Hier sprach er von Vordenkern, die in allem Christlichen die „Wurzel allen Übels“ erkennen, über die, die das Christentum nicht als Überzeugung verinnerlichten, sondern lediglich als „kulturelle Identität“ begriffen (Stichwort "Kreuzzüge" mit Vorbildcharakter), bis hin zu jenen, die die christliche Lehre zur Manifestation der nationalen Identität missbrauchen. Seine Zuhörerinnen und Zuhörer erinnerte er abschließend an ihr Kerngeschäft: „Das Beste, was die Kirche heute tun kann, ist es, Antworten zu geben auf die spirituellen Fragen der Menschen, aber sich nicht in jede politische Debatte einzumischen.“

Intensiver Austausch über die Impulse aus den Vorträgen.

Die Würzburger Fundamentaltheologin Hildegund Keul, die ihren Vortrag unter den Titel „Schöpfung durch Verlust“ stellte, schlug gleich zu Beginn die Brücke von ihrem Vorredner zu ihren eigenen Überlegungen. Denn Angst sei nichts Anderes als „Angst davor, verwundet zu werden“. Für jeden Einzelnen, für die Kirche, aber auch für die gesamte Gesellschaft sei es daher eine Herausforderung sich immer wieder zu fragen, was wir tun könnten, um befürchtete Wunden zu verhindern oder auch erhoffte Wunden zuzufügen, wann es notwendig ist, sich vor Verwundungen zu schützen oder auch mal ins Risiko zu gehen. Denn: „Vulnerabilität fordert zum Handeln auf“, so Keul. Der Versuch, sich durch Sicherungsstrategien wie Mauern, Waffen oder Remigration unverwundbar zu machen befördere Extremismus und sei eine gefährliche Utopie. Getreu dem Motto: „Lieber Andere verletzen als selbst eine Verletzung erleiden.“

Doch gerade paradoxe Erfahrungen sind es, die dieses Denken häufig durchbrächen und ad absurdum führten. Hildegund Keul veranschaulichte dies greifbar, indem sie das „Verletzlichkeitsparadox“ (je besser geschützt, desto verwundbarer) dem „Verschwendungsparadox“ (Lebensgewinn durch Lebensverlust) gegenüberstellte. So ginge mit dem Erhöhen von Sicherungsstrategien allzu oft eine Steigerung der Verwundbarkeit einher, was sich an den Beispielen der Vertuschung sexuellen Missbrauchs sowie von Migrationsabwehr und Rechtsextremismus gut aufzeigen lasse. „Vertuschungsgewalt verletzt die Überlebenden erneut und legt die Kirche in Trümmern“, so Keul.

Professorin Hildegund Keul stand auch bei Fragen der Teilnehmer Rede und Antwort.

Als zweites Paradox führte sie das der Verschwendung an und erinnerte diesbezüglich an die Praxis des Schenkens, etwa bei der Geburt eines Kindes oder beim Ehrenamt. „Es braucht die Bereitschaft der Verschwendung, sonst stirbt die Menschheit aus. Es braucht die Bereitschaft, aus den eigenen Ressourcen zu geben, ohne Gewinn zu erwarten.“ Vielmehr machten Menschen hier die Erfahrung, dadurch bereichert zu werden. Lebensgewinn durch Zuwendung, Freundschaft und solidarisches Handeln sei eine Botschaft an die Gesellschaft, für die die Kirche alles mitbringe. Kurz zusammengefasst: „Verwundbar sein, menschlich bleiben und dafür Risiken eingehen.“

Wie diese Anregungen in die konkrete Seelsorge umgesetzt werden können, war Teil der Kleingruppenarbeit am Nachmittag, ehe Seniorprofessor Heiner Bielefeldt, Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg, seine Gedanken darüber äußerte, wie Demokratie heute gestärkt werden könne. Bei allen gegenwärtig – teils aggressiv - geäußerten Infragestellungen sei es zunächst einmal notwendig, sich trotz aller Irrtumsanfälligkeit und menschlichem Versagen der Stärken der Demokratie bewusst zu werden, so der Seniorprofessor. Ziel müsse daher ein kritisches, jedoch nicht blindes, Vertrauen in selbige sein. Die Institutionen der Europäischen Union müssten daher beispielgebend für die Funktionsfähigkeit einer regelbasierten supranationalen Ordnung sein. Bielefeldts Überzeugung lautete deshalb: „Wir können die Demokratie nur dann stärken, wenn wir an sie glauben.“

Der Studientag des Bischofs, der rund 80 Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Bildungsreferentinnen und –referenten in das Haus Sankt Ulrich nach Augsburg lockte, stand heuer unter dem Titel „Zugehörigkeit und Veränderung“ und wurde von der diözesanen Fortbildungsabteilung unter der Leitung von Dr. Rudolf Häselhoff vorbereitet und durchgeführt. Seinen Abschluss fand er bei der gemeinsamen Vesper in der Hauskapelle.