Vorannahmen kritisch reflektieren
Fischen (pdsf). „In Fischen ist 2026 ein ganz besonderes Jahr angebrochen: Mit dem heutigen Gottesdienst beginnen die Feierlichkeiten zum 900-jährigen Bestehen der Pfarrei St. Verena – der Urpfarrei der ganzen Region, die im ersten Jahrtausend zum Kloster St. Gallen gehörte“, stellte Bischof Dr. Bertram Meier vor den Festgästen am Samstagabend fest. Das feierliche Pontifikalamt bildete den Auftakt für einen Veranstaltungsreigen zum Jubiläum, das unter dem Motto steht „Liebe bewegt“.
Mehr als 50 Ministrantinnen und Ministranten, zahlreiche Gläubige, Fahnenabordnungen der Vereine, Vertreterinnen und Vertreter aus dem politischen und kirchlichen Leben füllten die Pfarrkirche. Der Kirchenchor mit Orchester und Organist Thomas Kroll übernahmen die musikalische Gestaltung.
In seiner Begrüßung ging der leitende Pfarrer der PG Hörnerdörfer Pater Shijo Puthuvelil OPraem auf die Bedeutung des 900. Geburtstags für die Pfarrei St. Verena ein. Die älteste Kirche im Oberallgäu sei nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern auch Zeugnis unserer Heimat, das eine Vorsehung Gottes erkennen lasse, so der Geistliche.
In seiner Predigt beleuchtete Bischof Bertram zunächst die Geschichte der heiligen Verena, die an der Wende vom dritten zum vierten Jahrtausend gelebt habe (um 260-320 n. Chr.). „Im ägyptischen Theben geboren, folgte sie der Thebäischen Legion nach Italien.“ Während die Soldaten die Alpen überquerten hätten und dem kaiserlichen Befehl folgend ins Wallis gelangten, seien die Frauen in Mailand geblieben. „Hier fielen sie als Christinnen durch ihre Wohltätigkeit und Nächstenliebe auf und konnten so die Frohe Botschaft in bereite Herzen senden“, betonte der Bischof.
Auf der Suche nach ihren Landsleuten diesseits der Alpen erfuhr Verena, dass die Legion niedergemetzelt worden war. „Sie hatten als Christen nicht gegen Christen kämpfen wollen“, sei der Grund für ihren Tod gewesen. Weil Verena aufgrund ihres religiösen Bekenntnisses ebenfalls Vergeltung befürchtete, habe sie sich zurückgezogen und als heilkundige Einsiedlerin Armen und Kranken geholfen, fuhr Bischof Bertram fort. Noch heute werde deshalb die Verenaschlucht bei Solothurn besucht und ihr Grab bei Zurzach sei Ziel der Verehrung, sagte er.
Das 900-jährige Jubiläum könnte daher Anlass sein, solche Vorannahmen kritisch zu reflektieren“, stellte der Bischof fest. „Lernen wir, wohlwollend und freundlich auf diejenigen zu schauen, die zu uns kommen, weil sie in ihrer Heimat aufgrund von Klimawandel, Krieg und Gewalt keine Zukunft mehr haben“, appellierte er an die Zuhörerschaft. Seit Jahrtausenden seien Menschen auf der Flucht – zu den prominentesten Flüchtlingen der Weltgeschichte gehöre die Heilige Familie, die der Tradition nach in Ägypten Schutz gefunden habe, führte Bischof Bertram weiter aus.
Die heilige Verena werde unter anderem auch von den koptischen Christen in Europa sehr verehrt. Die russisch-orthodoxe Liturgie am 1. September, ihrem Gedenktag, berge ein Fürbittgebet, dass der Bischof allen sehr ans Herz lege. „Möge das Verena-Jubiläum Sie alle dazu inspirieren, das Gespräch im Heiligen Geist zu pflegen und das Evangelium in die heutige Zeit zu übersetzen: ‚Hilf uns, Verena, dass der Mut des Glaubens in uns brenne und dass man der Liebe Glut uns Christen wieder kenne. Sei Vorbild und Helferin!“
Der Bischof habe zudem im Jahr 1980 sein Pfarrpraktikum Fischen absolviert und Ende der 80er Jahre Pfarrer Alois Haas in dessen Urlaub vertreten. „Ich komme immer wieder gern hierher“, freute er sich. Nach kurzen Grußworten des Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Hubert Graf hatte die Bevölkerung im Pfarrheim Gelegenheit, mit dem Bischof ins Gespräch zu kommen.
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