Eine wundersame Versöhnung?
Vor sechzig Jahren setzten die polnischen Bischöfe mit ihrem Schreiben an die deutsche Bischofskonferenz ein wirkmächtiges Zeichen und einen bedeutenden Schritt auf dem Weg der deutsch-polnischen Aussöhnung nur zwanzig Jahre nach Kriegsende. In einem Studienabend des Akademischen Forums und der Katholischen Akademie in Bayern konnten Bischof Bertram, Gesine Schwan und Robert Żurek aufzeigen, wie es zu diesem Brief kommen konnte – und warum der Versöhnungsprozess bis heute nicht endgültig abgeschlossen sein kann.
Das Publikum im Haus Sankt Ulrich wurde dabei zunächst vom Leiter des Akademischen Forums Frederic-Joachim Kaminski, dem Direktor der Katholischen Akademie in Bayern Dr. Achim Budde sowie der Akademie-Studienleiterin Dr. Katharina Löffler begrüßt, die die beiden Organisationen als Veranstalter des Abends repräsentierten. Als symbolisches Motiv für den in der Veranstaltung besprochenen Briefwechsel wurde dabei eine Friedensglocke des italienischen Künstlers Massimiliano Pironti gewählt. „Es braucht für Frieden und Versöhnung immer zwei, nämlich einen der anbietet, und einen, der annimmt“, betonte Kaminski eingangs in seiner Begrüßung. Die Glocke symbolisiere aber noch eine Voraussetzung mehr, nämlich Gott, der den Frieden den Menschen als seine Gabe anbiete. Und auch für Dr. Budde war klar: Der Briefwechsel der Bischöfe zweier Länder sei nicht nur bloße Vergangenheit, sondern könne auch heute noch als „Wegweiser für Frieden und Versöhnung“ dienen.
Eine Geschichte des Gegensatzes
Im ersten Vortrag des Abends war der polnische Theologe und Historiker Dr. habil. Robert Żurek geladen, die polnisch-deutschen Beziehungen vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart nachzuzeichnen. Der Experte für die Geschichte beider Staaten, der die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung im niederschlesischen Kreisau/Krzyżowa als Geschäftsführer leitet, begann damit mit einem Verweis auf den ehemaligen polnischen Außenminister Władysław Bartoszewski, für den die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen nach 1945 zur „Welt der Wunder“ gehörten. Dieses „europäische Wunder“ aber habe mühsam erarbeitet werden müssen, so Żurek. Bereits seit der gewaltsamen Aufteilung Polens im späten 18. Jahrhundert sei Deutschland von vielen Polen als Bedrohung und gefährlicher Nachbar identifiziert worden; seit dem Zweiten Weltkrieg, in dem Millionen Polen während der deutschen Gewaltherrschaft ermordet wurden, vertieften sich diese Gräben nur noch mehr.
Dennoch habe es von beiden Seiten auch vorsichtige erste Schritte gegeben. Eine besondere Vorreiterrolle habe dabei etwa die „Hedwigspredigt“ des damaligen Berliner Bischofs Julius Döpfner gespielt, in der dieser sich 1960 dafür aussprach, die Nachkriegsgrenzen zu akzeptieren, weil nur so ein dauerhafter Friede möglich sein könne. Drei Jahre später hätten dann die Bischöfe beider Länder im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils weiter zueinander gefunden, als sie sich an Papst Paul VI. mit der Bitte um die Eröffnung eines Seligsprechungsprozesses für Maximilian Kolbe wandten. Der 1965 verfasste Brief mit der nachdrücklichen Formulierung „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, sei schließlich eine Folge dieses Annäherungsprozesses gewesen und habe dann auch die Türen geöffnet für eine weitere Aussöhnung wie etwa in der Ostpolitik unter Kanzler Willy Brandt, der deutschen Unterstützung Polens während der Zeit des Militärrechts in den Achtzigerjahren und schließlich die endgültige Anerkennung der bestehenden Grenzen zwischen beiden Ländern, die auch durch kirchlicherseits geknüpfte Kontake getragen wurde: 1989 hatten die beiden katholischen Regierungschefs Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki etwa die Gelegenheit, in Kreisau miteinander einen Gottesdienst zu feiern.
"Mutige Initiative"
Bischof Bertram war als Co-Vorsitzender der Kontaktgruppe der Deutschen und Polnischen Bischofskonferenzen geladen, in seinem Vortrag die Umstände des Briefwechsels von 1965 näher zu beleuchten. So sei es kein Zufall gewesen, dass die polnischen Bischöfe ihren Brief von Rom aus verschickten – dort seien sie damals im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils gewesen, und zudem hätten sie sich so der Kontrolle der sozialistischen Behörden ihres Heimatlandes entziehen können. Eine Besonderheit dabei sei, dass der Brief auf Deutsch verfasst sei und immer wieder Bezug nehme auf völkerverbindende Institutionen und Personen, allen voran die schlesische Heilige Hedwig von Andechs, die als „bester Ausdruck eines christlichen Brückenbaus zwischen Polen und Deutschland“ gewürdigt wurde.
Dennoch müsse dem Briefwechsel eine große Bedeutung beigemessen werden, so der Bischof. Ohne diesen mutigen Schritt der polnischen Bischöfe sei das spätere Aussöhnungswerk zwischen den beiden Ländern nicht zu denken gewesen. Zugleich sei deutlich geworden, dass es zum Versöhnen und Verzeihen einen langen Atem brauche: „Zerstörtes Vertrauen wächst oft wieder erst nach Generationen nach.“ Auch heute noch gebe es auf polnischer Seite mitunter Misstrauen der deutschen Politik gegenüber, wie zum Beispiel nach der anfangs sehr zögerlichen Unterstützung der Ukraine durch die Bundesregierung nach dem russischen Angriff. Auch auf kirchlicher Ebene gebe es weiterhin Gesprächsbedarf; so werde etwa das Thema der Synodalität in Polen ganz anders und zum Teil deutlich kritischer gesehen als in Deutschland. Auch heute noch seien Deutsche und Polen also dazu aufgerufen, „immer wieder neu aufeinander zuzugehen und neue Antworten zu finden.“
Gemeinsam weiter Brücken bauen
In der anschließenden Podiumsdiskussion zwischen den drei Vortragenden wurde noch einmal die Frage nach der aktuellen Lage der deutsch-polnischen Beziehung laut. Bischof Bertram betonte dabei, dabei, dass die gesellschaftlichen und politischen Umstände der vergangenen Jahre hierin auch neue Schwierigkeiten bedeuteten. Die Kontakte zwischen den beiden Ländern auch auf kirchlicher Ebene dürften jedoch kein bloßes Elitenwerk bleiben: „Wir müssen den öffentlichen Diskurs wagen!“
Der Abend wurde durch die Katholische Akademie live im Internet übertragen und durch den früheren Domkapellmeister Reinhard Kammler sowie die Sopranistin Stefanie Mayer musikalisch gestaltet.