Ansprache an Karfreitag 2017 im Hohen Dom zu Augsburg
14.04.2017
Gottvergessenheit „Der Statthalter von Judäa“ so lautet der Titel einer Erzählung des französischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Anatole France. Da treffen zwei alt gewordene Männer in den Schwefelbädern Süditaliens zusammen, um Heilung von ihrer Gicht zu suchen. Der eine ist Pontius Pilatus, eben der Statthalter von Judäa, der Jesus zum Tode verurteilte, der andere sein Zeitgenosse Aelius Lamia. Er war vor Jahrzehnten bei Kaiser Tiberius in Ungnade gefallen und nach Judäa verbannt worden. So hatten sie beide die denkwürdige Zeit von Verurteilung, Kreuzigung und Sterben des Messias in Palästina erlebt. Nun sprechen sie im Rückblick über die Erinnerungen alter Zeiten. Da sind die großen Feste und die schönen Frauen, die Rebellen und die ewigen Aufstände, die eigenartigen jüdischen Bräuche und die irren Streitereien um das Gesetz und dessen richtige Auslegung. Man denkt mit Kopfschütteln daran, wie zu jener Zeit die Sehnsucht nach dem Messias alltäglich zu Kampf und Aufruhr führte. Schließlich kommt Aelius Lamia auf Jesus von Nazareth zu sprechen, den jungen Galiläer, der Menschen um sich gesammelt hatte und später wegen dieses Verbrechens von Pilatus verurteilt und gekreuzigt wurde. „Erinnerst du dich noch an diesen Mann?“ so fragt er Pontius Pilatus. Dieser fährt sich mit der Hand über die Stirn als, ob er sich auf etwas zu besinnen suchte. Dann nach einer kurzen Pause murmelt er: „Jesus? Jesus - aus Nazareth? Nein ich erinnere mich nicht mehr.“ Ist es vorstellbar, dass Pontius Pilatus Jesus einfach vergessen hätte? Dass er ihm von Angesicht zu Angesicht begegnet wäre, mit ihm gesprochen und ihn verurteilt, seine Hände in Unschuld gewaschen, und nun alles vergessen hätte? Ist es denkbar, dass das größte Ereignis der Weltgeschichte für ihn nichts anderes gewesen sein soll, als ein normaler Arbeitstag, an dem man im Alter keine Erinnerung mehr behalten hat?